Warum ich im Kalten Krieg 2.0 den Dienst verweigere

„Die Russen kommen“ – und die Schlagzeilen in den Medien klingen wieder wie vor 30 Jahren. Doch immer mehr Menschen merken, dass jetzt alles anders ist.

Das vergangene Wochenende und das erfolgreiche und offenbar auf keine Widerstände in der Bevölkerung gestoßene Einsickern russischer Einheiten auf der Krim hält Europa in Atem. Moskau sieht die Maßnahme als friedenssichernd an. Da zu den „Euromaidan“-Kräften, die auf extralegale Weise den gewählten Präsidenten Janukowytsch aus seinem Amt vertrieben hatten, auch rechtsextreme und neonationalsozialistische Kräfte gehörten und zu den ersten Maßnahmen der neuen Regierung die Beseitigung eines Sprachengesetzes, welches die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung schützen sollte, sowie die Ankündigung, die russische Schwarzmeerflotte aus dem Land haben zu wollen, zählten, hielt es Moskau zum Schutz der russischen Bevölkerung für nötig, Maßnahmen zu treffen.

Man schaffte vollendete Tatsache, wohl damit die ukrainische Armee gar nicht erst auf die Idee komme, Gewalt gegen die russische Bevölkerungsmehrheit in jenem Teil des Landes anzuwenden. Die Situation lässt sich in etwa vergleichen mit der Besetzung Nordzyperns durch die türkische Armee 1974 – und die Folgen könnten ähnliche sein, wobei mit dem ebenfalls stark russisch dominierten Osten der Ukraine ein ähnliches Problem erst noch entstehen könnte. Unklar ist auch, was die de-facto-Besetzung der Krim durch russische Einheiten für das dortige Turkvolk der Krimtataren bedeuten wird. Es ist zweifellos ein Grund zur Sorge, dass nicht nur auf dem Euromaidan ultranationalistische Kräfte eine nicht unerhebliche Bedeutung entfalten, sondern auch extremistische russische Elemente Stimmung machen – die einen behaupten, dies geschehe mit Duldung und Ermunterung durch die Regierung in Moskau, die anderen sehen Schirinowskij und Konsorten als Trittbrettfahrer.

Die Situation in der Ukraine ist unübersichtlich und äußerst gefährlich. Vor allem mit dem Blick auf künftig mögliche Entwicklungen im Osten des Landes und angesichts einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einer Teilung wäre gerade jetzt Besonnenheit wichtig und eine Offensive der Diplomatie.

Stattdessen aber intensiviert sich auch in unseren Breiten die Hetze zahlreicher Medien, vor allem der Springer-Presse, und man erkennt selbst vor kurzem noch brave Bürger nicht wieder, die plötzlich als Kriegstreiber und mit dehumanisierenden Anspielungen den Hass auf Russland anfachen. Es scheint eine Neuauflage des Kalten Krieges in der Luft zu liegen und als jemand, der in dessen Endphase aufgewachsen ist und in dieser Zeit die frühen Jahre seiner Jugend erlebt hatte, ist das ein Anlass, sich gedanklich zurückzuversetzen.

Das „christliche Abendland“ gegen das „Gottlosentum“

Vor 30 Jahren war es alles noch eine klare Situation und sogar im zarten Alter zwischen 12 und 15 Jahren konnte man so viel schon erfassen: Auf der einen Seite standen Ronald Reagan und die USA als das Bollwerk der Freiheit, das Westeuropa und die Welt vor der Sowjetunion bewahrte.

Und auf der anderen Länder wie die DDR, wo man Menschen willkürlich folterte, im Westen von Killern jagen ließ und an der Mauer erschoss; Rumänien, wo der „Blutsäufer“ Ceausescu nach Belieben Dörfer plattwalzen ließ, um Wohnsilos mit Gemeinschaftsklos zu errichten; und natürlich die UdSSR – in unseren Augen das Reich des Gottlosentums, das die Welt erobern wollte; Menschen verbieten wollte, die Kirchen zu besuchen; wo der Staat Eltern die Kinder wegnehmen und in Heime stecken würde, in denen ihnen der Kommunismus beigebracht würde; welche die Unterminierung der Gesellschaft durch die Ideologie der 68er, die seit den 70ern immer stärkere Sexualisierung des öffentlichen Lebens, die „Friedensbewegung“ oder den Ökowahn steuern und uns auf diese Weise gegen eine Invasion aus dem Osten wehrlos machen würde, um irgendwann einmal den von innen heraus ausgehöhlten Westen übernehmen zu können (hier ein Video, in dem ein Überläufer des KGB schilderte, wie die „Studentenbewegung“ zum Zwecke der Aushöhlung der Moral im Westen als politische Taktik des Kommunismus instrumentalisiert werden sollte). Gut, dass wir dagegen Reagan, Franz Josef Strauß und dann noch Rocky, Rambo und Braddock im Köcher hatten. Denn dass die Masse der westeuropäischen Politiker, die Lehrer und die meisten Mitschüler so knieweich erschien und auf „Hair“ und „La Boum“ abfuhren, statt sich Gedanken zu machen, wie man sich geistig gegen den Kommunismus wappnen könnte, war ein vermeintlich untrügliches Zeichen dafür, wie erfolgreich die Sowjets mit ihrer Wühlarbeit schon waren.

Während selbst die Sozialdemokratie als eine Art fünfte Kolonne galt, die im Kampf gegen den Kommunismus unverlässlich wäre, waren Konservative und sogar politisch sehr weit rechtsstehende Kräfte großteils stark proamerikanisch, die Neutralisten und Blockfreien waren in der Minderheit, der Traum von der deutschen Einheit und Überwindung der Teilung war allen wichtig, aber man wollte sie nicht um den Preis eines Kompromisses mit den Kommunisten. Dr. Gerolf Tittel, der auf dem Ruhstorfer Parteitag der Republikaner für den Bundesvorstand kandidierte, rechtfertigte unmittelbar nach den damaligen Abgrenzungsbeschlüssen sein langjähriges früheres Engagement in der NPD noch 1990 mit den Worten: „Ich bin Christ und habe als solcher das Recht auf Antikommunismus!“

Die Angst vor einer Machtübernahme durch den Kommunismus war sogar noch zu Zeiten von Glasnost und Perestroika latent vorhanden: Man wusste nicht, was die Sowjets im Schilde führten und ob nicht von heute auf morgen ein Putsch wieder die alten Verhältnisse herstellen würde. Ich denke, der Tag, an dem wirklich jeder begriff, dass die sowjetische Bedrohung zu Ende war, war jener, als sich im August 1991 nach nur drei – allerdings sehr angsterfüllten – Tagen der Versuch dreier angeheiterter Generäle, die Macht an sich zu reißen, als Operettenaktion entpuppte.

Operettenputsch 1991 – das endgültige Ende der Sowjetunion

Spätestens nach dem Scheitern des Putsches in Moskau war klar, dass die Sowjetunion aufgehört hatte, ein politischer Faktor zu sein. Eigentlich konnte man meinen, von nun an würde auch alles, was in den Jahrzehnten zuvor falsch gelaufen wäre, sich wieder normalisieren und eine Art Re-Adenauerisierung stattfinden. Doch es kam nicht so: Die Kirchen wurden nicht wieder voller; die Fernsehsendungen nicht wieder gepflegter und kultivierter; es wurden nicht weniger Ehen geschieden, mehr Kinder geboren oder Abtreibungen geächtet; die Gossensprache verschwand nicht aus dem öffentlichen Raum; religiöse oder patriotische Werte erlebten keine Renaissance; stattdessen illustrierten Techno-Musik und Nachmittagstalkshows in den 90er-Jahren einen besonders stark spürbaren kulturellen Niedergang. Und das ganz ohne Russen, die selbst mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten.

Das politische Agieren westlicher Länder in der Welt wurde vielfach nicht mehr als von moralischen Prinzipien geleitet, sondern als willkürlich wahrgenommen. Auch berechtigte Formen der Interessenspolitik wie der Krieg gegen den Terror lassen aus heutiger Sicht Fragen offen, zumal sie Begleiterscheinungen zeitigten, die auch vielfach in verbündeten Ländern für Unverständnis sorgten – wobei aus meiner Sicht allerdings auch zum Teil sehr genau hingesehen werden sollte, ob eine Kritik am Vorgehen der USA sachlich nachvollziehbar ist oder ob es sich um den Ausdruck eines ideologischen, antiamerikanischen Ressentiments handelt; in der Regel überwiegt erfahrungsgemäß Zweiteres.

Zu einem besonders hässlichen Beispiel für Doppelzüngigkeit und ideologisierte Politik entwickelte sich im Laufe der Jahre vor allem die Europäische Union, die immer stärker selbst Anwandlungen entwickelte, die man von der früheren UdSSR kannte: Zentralismus, Dirigismus, Unfreiheit und eine proaktive neomarxistische Politik nach innen und außen, die sich vor allem während der Ära Bush auch als Antithese zu den USA inszenierte.

Die Entwicklung in der Ukraine dürfte nun die alten Reflexe aus der Zeit des Kalten Krieges wieder verstärken. Allerdings stellt sich die Frage, ob eine Neuauflage desselben wieder – ähnlich wie früher – die Rückendeckung seitens der Bevölkerung finden würde. Und es mehren sich die Anzeichen, dass die Angst vor „dem Russen“ langsam ausgelutscht wäre. Vor allem dürften viele früher verlässliche Verbündete, etwa Konservative, diesmal nicht mehr so vorbehaltlos die antirussische Stimmungsmache verinnerlichen.

Hüter der freiheitlichen Zivilisation?

Denn abgesehen von den Neonazis, die wie selbstverständlich als Teil der „Euromaidan“-Bewegung akzeptiert werden, und von der Frage, warum Russland nicht seinen Einflussbereich schützen dürfte, wie die USA es ja selbstverständlich auch machen, stellt sich grundsätzlich die Frage: Hat „der Westen“ heute wirklich noch irgendeine glaubwürdige Legitimation, um sich jetzt gegenüber Moskau als Wächter einer freiheitlichen Zivilisation aufzuplustern?

Machen wir doch eine Bestandsaufnahme, und wir werden sehen: Europa hat aus seiner totalitären Vergangenheit nichts, aber auch gar nichts gelernt. Kommunismus und Nationalismus sind stärker präsent als je zuvor, Ersterer modifiziert durch die freiheitsfeindliche Ökoideologie; Sarrazin und seine Kumpane kochen den gleichen Dreck wieder auf, der vor 100 Jahren als Eugenik die Tore zum Massenmord öffnete; vor Lampedusa gibt es Schüsse auf Flüchtlinge und jede Woche sterben Menschen; im Estrela-Report soll das Töten ungeborener Kinder zum „Menschenrecht“ erklärt werden; wir haben nicht mehr nur pädophile Künstler, sondern auch pädophile Politiker; Antisemitismus, auch gerne als „Israelkritik“ getarnt, ist wieder salonfähig; seuchenartig verbreitet sich hasserfüllte Stimmungsmache gegen Muslime samt Forderungen an die Politik, diesen „die Grenzen aufzuzeigen“; wegen einer Handvoll Roma, die wie in den Jahrhunderten zuvor als Menschen zweiter Klasse behandelt werden und jetzt vielleicht nach Westeuropa kommen könnten, wird die Personenfreizügigkeit in der EU in Frage gestellt; Christen werden ins Gefängnis gesteckt, weil sie ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen; an Schulen wird einstweilen Sechsjährigen der Geschlechtsverkehr in epischer Breite geschildert, auf der Basis des Bildungsplans 2015 soll ideologische Umerziehung betrieben werden; Berlins Bildungssenatorin Dilek Kolat ruft sogar zur Denunziation innerhalb der Familien auf, wenn sie, wie die BZ berichtet, fordert, der Lehrer solle auch über die Eltern wachen und: Wenn diese ihr Kind nicht „nach dessen empfundenem Geschlecht anreden“, so sei zu prüfen, „ob eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt“.

In den USA selbst wurde kürzlich das Tragen der Nationalflagge auf T-Shirts in der Schule von einem Bundesgericht untersagt, weil sich Nichtamerikaner dadurch potenziell beleidigt fühlen könnten.

Ja, was ist es denn nun, was wir im „Kalten Krieg 2.0“ gegen die bösen Russen verteidigen sollen? Die DDR 2.0, die wir selbst in unseren Ländern schleichend schaffen?!

Kein Blut für leistungsschwächere Staubsauger!

Es ist zu hoffen, aber auch sehr wahrscheinlich, dass die Redaktionsstuben der selbsternannten „Qualitätspresse“ und profilierungssüchtige Politiker einiger Parteien ihren „Kalten Krieg“ diesmal weitgehend alleine bestreiten werden. „Für Europa sterben“, wie es Michael Wolffsohn in der Springerpresse anspricht, können sie diesmal alleine. Die Mehrzahl der Menschen will für das Reich der Staubsaugerstärkenverordnungen und Glühbirnenverbote nicht einmal Einschnitte im Lebenswandel hinnehmen.

Um mich nicht falsch zu verstehen: Ich bin und bleibe ein glühender Pro-Amerikaner. Die USA haben mit ihrer Unabhängigkeitserklärung und ihrem freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsverständnis einen Leuchtturm für die Welt geschaffen und wir verdanken ihnen mehr als nur unsere Freiheit und die Überwindung der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und der Bedrohung durch den Kommunismus aus Osteuropa. Aber jetzt gibt es keinen Grund mehr, die totalitäre Bedrohung dort zu vermuten. Sie ist eher in unseren Ländern selbst. Und wer Russland von Alleingängen abbringen will, der soll Putin gefälligst als wichtigen politischen Faktor in Europa und der Welt anerkennen und mit ihm zusammen Lösungen suchen, die auch seinen Interessen gerecht werden.

(Erstveröffentlichung bei I-Blogger)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s