AfD: Konservativ? Liberal? Scheißegal!?

Der Europawahlkampf hat noch nicht einmal seine heiße Phase erreicht und schon ist die AfD in aller Munde. Wie unruhig die etablierten Parteien sind, zeigen nicht wenige Schlagzeilen der letzten Tage. Da will die FDP als „Anti-AfD“ in den Wahlkampf ziehen – und wirft mit Holger Krahmer den einzigen Europaabgeordneten von der Liste, der im Laufe der letzten Legislaturperiode mehr gezeigt hat als aufgeblasene Europatümelei, gepaart mit Ergebenheit gegenüber linkslastiger Ideologie.

Dann belehrt uns „Die Welt“ pflichtschuldigst darüber, wie falsch die AfD nicht mit ihren wirtschaftspolitischen Vorstellungen liegen würde – nicht ohne unerwähnt zu lassen, dass am 25. Mai ein „Erdrutschsieg“ der erstmals kandidierenden eurokritischen Partei ins Haus stehen könnte.

„Endstation Rechts“ wiederum wartet mit einem zweifellos wenig vorteilhaften Bericht auf, der Ergebnisse einer Mitgliederbefragung im bayerischen Landesverband zum Thema hat, die islamfeindliche Ressentiments in Teilen der Partei offenbaren – wobei allerdings zu bedenken ist, dass die Repräsentativität solcher Ergebnisse nicht zuletzt dadurch relativiert wird, dass die Entschlossenheit gerade solcher Kreise, sich an Befragungen dieser Art zu beteiligen, überdurchschnittlich hoch sein dürfte. Abgesehen davon, dass es einer gewissen Pikanterie nicht entbehrt, dass die SPD, von welcher das Projekt „ER“ ausgeht, selbst nicht frei von solchen Ideen ist: Immerhin gehören, wenn man es genau nimmt, Thilo Sarrazin und Heinz Buschkowsky nicht der AfD an.

Wo kurz vor dem Nominierungsparteitag zur Europawahl viel Anlass zur Zuversicht besteht, beschäftigt sich die Partei derzeit allerdings ungleich stärker mit sich selbst, als es in Anbetracht der strategischen Marschroute erforderlich wäre.

Vor allem das Streben nach der kulturellen und programmatischen Hegemonie innerhalb der Partei scheint so manchem derzeit schlaflose Nächte zu bereiten. Da werden unglückliche, aber für viel böses Blut sorgende „Nationalismus“-Vorwürfe gegen den bayerischen Spitzenkandidaten durch tatsächlich bösartige Fehlinterpretationen früherer Blogeinträge eskaliert, was dann prompt – und ebenso fehlerhaft – als konzertierte Aktion eines gesamten Parteiflügels dargestellt wird.

Die Panik vor dem „Kolibri“

Gleichzeitig hat die Gründung des „Kolibri“-Kreises innerhalb der AfD einige Mitglieder so sehr vergrämt, dass sie diesem sogar schon ein eigenes Watchblog widmen. Und die Wucht der Empörung auf diesem reicht teilweise schon fast an claudiarotheske Dimensionen heran.

Zum Teil sind einzelne Kritikpunkte ja auch durchaus nachvollziehbar. Eine Aufweichung oder Relativierung des klassischen Familienbegriffs ist ja nicht nur in Anbetracht der in der Tat vorhandenen „Verfallserscheinungen“ problematisch, die Bernd Lucke zu Recht (und wiederum zur Empörung der „Qualitätsmedien“) in seiner Rede zum hessischen AfD-Landesparteitag angesprochen hat. Auch auf Verfassungsebene gibt es schließlich Normsetzungen, welche einen klar definierten Familienbegriff nötig erscheinen lassen – und zwar nach Möglichkeit einen, der nicht schon die „Ein-Mann-Familie“, die Protagonist „Richie“ in „Ab durch die Hecke“ zu sein vorgibt, auf die gleiche Ebene stellt wie die traditionelle.

Auch der Sinn einer Infragestellung des Betreuungsgeldes zu Gunsten eines „zügigen Krippenausbaus“ vermag sich kaum jemandem, der sich selbst außerhalb der etatistischen Konsenslogik positioniert, so ohne weiteres zu erschließen.

Allerdings war das dann auch schon so weit alles, worin sich die Kolibris augenscheinlich verflogen haben. Abseits dieser in der AfD wahrscheinlich kaum mit großem Rückhalt ausgestatteten Festlegungen gibt es nämlich eine ganze Reihe von Thesen, die als sehr klug und weitsichtig erscheinen.

Und das fängt bereits beim Selbstverständnis an. „Moderner Liberalismus bedeutet für uns, dass man dem Individuum so viel Freiheit wie möglich lässt“, heißt es etwa bei den Kolibris. Und diesem Satz sollten aber auch und gerade Konservative und „Bibeltreue“ bedenkenlos zustimmen können.

Bereits Ronald Reagan bezeichnete den Libertarismus als das Herz des Konservatismus. Und es kann in der Tat nicht der Weisheit letzter Schluss sein, dass Konservative zwar zu Recht gegen linksgrünen, sozialistischen Etatismus aufbegehren, wie er sich beispielsweise im „Bildungsplan 2015“ des baden-württembergischen Bildungsministeriums, in der Estrela-Ideologie oder in Skandalen wie der Drangsalierung und Schikane von Eltern zeigt, die ihre legitimsten und elementarsten Rechte wie eben das Erziehungsrecht vor der Macht des Staates schützen wollen – aber gleichzeitig gegen Paternalismus und Social Engineering von Rechts nichts einzuwenden hätten.

Social Engineering wird nicht erträglicher, wenn es von Rechts kommt

Die Problematik des Werteverfalls in unserem Land hat sehr viel damit zu tun, dass den Familien immer mehr an Eigenverantwortung abgenommen wurde und viele von ihnen sich diese auch bereitwillig abnehmen ließen. Der Zuwachs an Staatsgläubigkeit und die Erwartung, dass der Staat schon alles Nötige veranlassen würde, um Menschen ihre Entscheidungen abzunehmen, haben dazu beigetragen, dass immer weniger Menschen bereit sind, für ihre Angelegenheiten und die ihrer Familien und Kinder selbst Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig haben Kräfte, die es geradezu darauf anlegen, den Staat in alle Lebensbereiche vorrücken zu lassen, um den Menschen besser ihre ideologische Agenda aufzwingen zu können, diese Einladung dankend angenommen und reizen jetzt ihre Macht aus.

Die Erwartung vieler Konservativer, eines Tages würde die Masse schon bemerken, dass ihr Konzept das bessere wäre und deshalb sie statt der linksgrünen Eliten mit der „Gesellschaftsgestaltung“ beauftragen, ist gelinde gesagt naiv. Eine Renaissance konservativer Werte wird deshalb auch nicht vom Staat verordnet oder auch nur wirksam angeregt werden können, sondern muss vom Individuum ausgehen, das – und hier kommen wir auf Reagan zurück – auch die Freiheit dazu bekommen muss. Elementar sind dabei die Wiedergewinnung erzieherischer und wirtschaftlicher Freiheit. Und dies kann nur auf dem Wege des Rückbaus staatlicher Macht funktionieren.

Wo die Kolibris aber auf jeden Fall goldrichtig liegen – und das wird vielen, die sich selbst als „konservativ“ betrachten, so gar nicht schmecken -, ist ihre Erkenntnis, dass der Nationalstaat alter Prägung keine Zukunft hat und auch nicht haben kann. Und das bedeutet gerade nicht, dass an dessen Stelle ein großeuropäischer Nationalismus treten soll.

„Ethnische Nationalstaatsidee“ – wozu eigentlich?!

Ronald Asch aus dem LV Baden-Württemberg wird scharf dafür kritisiert, dass er geäußert hat, die AfD möge sich bemühen, auch für „liberale Muslime” wählbar zu werden „und sie auch als Mitglieder und Funktionsträger willkommen” zu heißen, um „sich von den falschen Traditionen einer verengten ethnischen Nationalstaatsidee wirksam zu befreien.” – Nun wüsste ich beim besten Willen nicht, was daran verkehrt sein soll, außer dass ich sogar dafür plädieren würde, sich auch im konservativen Mainstream der muslimischen Community Partner zu suchen, da diese in vielen Punkten wie Lebensschutz, Familienpolitik oder dem Schutz der Träger religiöser Rechte vor staatlichen Anmaßungen durchaus ähnliche Vorstellungen vertreten würden wie die „Bibeltreuen“, gegen die der konservative Flügel ja offenbar nichts einzuwenden hätte.

Überhaupt gibt es mit Ausnahme des Arguments „Das war schon immer so“ eigentlich auch tatsächlich keinen nachvollziehbaren Grund, am althergebrachten, ethnozentrischen Verständnis der deutschen Nation festzuhalten. Homogenität, Anpassung und Gleichförmigkeit zu Idealen zu erklären, wie dies insbesondere aus der Kritik an der angesprochenen Kolibri-Position heraus anklingt, war bestenfalls zu einer Zeit nachvollziehbar, in der die Wirtschaft durch Fließbandfertigung und gleichförmige Produktionsprozesse gekennzeichnet war (die heute längst in Indien stattfinden) und die Demografie einen Arbeitsmarkt schuf, der den Mitarbeiter von der Stange ermöglichte.

„Bildungsplan 2015“ ist nur eine logische Konsequenz der „Leitkultur“-Idee

Heute hingegen weisen bereits 20% der deutschen Bevölkerung einen Einwanderungshintergrund auf und die Tendenz ist dabei steigend. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland und wird auch nur als solches eine Zukunft haben. Und wer die Forderung erhebt, die Einwanderer sollten sich der Mehrheitskultur „anpassen“, sollte durchaus noch einmal darüber nachdenken, ob das wirklich eine so gute Idee ist. Denn nicht nur ökonomisch gesehen würde das keinen Sinn machen, auch kulturell gesehen ist eine Gesellschaft, in der weitgehend Kinderlosigkeit als Ideal, Familien als Parias, Patriotismus als verwerflich, Religion als Störfaktor, Polizei und Armee als Bösewichte und Leistungsträger als Ausbeuter, „Streber“ oder „Spießer“ angesehen werden, nicht wirklich berechtigt oder in der Lage, eine solche Anpassungsforderung zu erheben.

Und, wie Eric T. Hansen in der „Zeit“ schreibt: Hier sollten auch Konservative keine Angst vor dem gemessen an ihren gewohnten Vorstellungen einsetzenden Chaos haben – da gerade dieses diejenigen kreativen Kräfte freizusetzen vermag, die unser Land aus der Stagnation retten können.

Genuin liberal kann auch heißen, bewusst reaktionär zu sein

Den vielleicht besten Text zum Thema „Selbstverständnis der AfD“, der im Laufe der letzten Wochen erschienen ist, hat kürzlich Dr. Marc Jongen im „Cicero“ veröffentlicht. Jenseits der schon rein strategischen Überlegung, dass eine Partei, die „nur liberal“ oder „nur konservativ“ ist, langfristig kein ausreichendes Wählerpotenzial wird binden können, legt er auch dar, warum der künstliche Gegensatz zwischen diesen beiden Positionen sich überlebt hat:

„Wo Bewahrenswertes noch lebendig ist, muss es gegen das weitere Fortschreiten der Korruption verteidigt werden. Wo aber der Amoklauf der Moderne sein „Krise“ genanntes Zerstörungswerk schon vollendet hat, müssen tradierungswürdige Zustände neu geschaffen werden. Eine Schlüsselrolle werden dabei unsere Landessprache und die Familie spielen. Beides sind essenzielle Bausteine der Kulturtradierung, ohne die aus dem „Wirtschaftsstandort Deutschland“ das zweite Wort schon bald zu streichen sein wird.

Zum bedrohten geistigen Bestand unseres geschundenen Kontinents zählt nicht zuletzt die bürgerliche Liberalität selbst. In ihrem Namen versuchen dreiste Ideologen in der Presse und in den Ministerien, das freie Denken und das freie Leben politisch korrekt auf Linie zu bringen. Wo „Gleichstellung“ steht, ist „Gleichschaltung“ nicht weit – die Gleichberechtigung hat das Nachsehen.

Der angebliche Widerspruch zwischen einem konservativen und einem liberalen Parteiflügel der AfD ist damit als Propaganda des politischen Gegners enttarnt. Genuin liberal zu sein, heißt heute, konservativ zu sein. Zuweilen sogar reaktionär.“

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21 Gedanken zu „AfD: Konservativ? Liberal? Scheißegal!?

  1. „Ronald Asch aus dem LV Baden-Württemberg wird scharf dafür kritisiert, dass er geäußert hat, die AfD möge sich bemühen, auch für „liberale Muslime” wählbar zu werden „und sie auch als Mitglieder und Funktionsträger willkommen” zu heißen, um „sich von den falschen Traditionen einer verengten ethnischen Nationalstaatsidee wirksam zu befreien.” “

    völlig d’accord soweit, und im Prinzip aus genau dem Grund: viele liberale Muslime wollen sich nämlich auch aus einer verengten Ideenwelt, die teils herkunftsnationalbehaftet, teils sogar tribalistisch orientiert ist, befreien.

    „dass ich sogar dafür plädieren würde, sich auch im konservativen Mainstream der muslimischen Community Partner zu suchen, da diese in vielen Punkten wie Lebensschutz, Familienpolitik oder dem Schutz der Träger religiöser Rechte vor staatlichen Anmaßungen durchaus ähnliche offenbar nichts einzuwenden hätte.“

    und hier dann aber nicht mehr d’accord aus oben genannten Gründen; freilich verwahre ich mich gegen ressentimentgeladenen Muslim/Islamhaß, wie er auf einigen Seiten im Netz zu beobachten ist

  2. Die Nagelprobe für eine brauchbare, liberale Islamkritik besteht tatsächlich darin, ob es gelingt, liberale (gläubige!) Muslime für sie zu gewinnen. Denn es kann nicht darum gehen, ein Pauschalurteil über den Islam zu fällen, sondern zu unterscheiden. – Gar keine Islamkritik zu üben wäre übrigens auch ein Pauschalurteil, das bei den Altparteien sehr beliebt ist: Wie wenn in Sachen Islam alles in Ordnung wäre. Wegsehen! Darin sind sie Meister. Aber das wäre nur menschenfeindlich, und ist deshalb kein gangbarer Weg für die AfD. Im Link ein Impulspapier über verschiedene Ansätze zur Islamkritik http://homment.com/intelligente-islamkritik

  3. Das Problem bei dem Thema ist natürlich, daß es jede Menge Gesindel mit null Empathie gibt, das einfach nur seine Ressentiments ventilieren möchte. Solche Leute dürfen in der AfD keine Chance kriegen. Der in Deutschland gelebte Islam ist im Prinzip dort zu kritisieren, wo er individuelles und gesellschaftliches Versagen in irgendeiner Weise befördert.

  4. Das Dumme ist natürlich, dass die Rechts-Pöbler mehr Recht haben, als uns lieb ist. Bei einer Einzelfallprüfung aller Moscheevereine auf Verfassungstreue würde auch (und gerade) bei liberalen Maßstäben kein erfreuliches Ergebnis herauskommen. Wer es mit Demokratie und Menschenrechten ernst meint, muss hier tatsächlich ganz andere Saiten aufziehen, und zwar gerade auch als Liberaler. Das ist natürlich ein Kraftakt und ein Drahtseilakt, bei dem man leicht nach rechts oder links abkippt, und man kann verstehen, wenn die AfD das vor der Europawahl nicht mehr anpacken will. Aber um das Thema gibt es kein Drumherum.

  5. Ich denke, es ist wichtig, zuerst zu sagen, was man ist, wo-für man steht. Erst wenn man sich dessen im Klaren ist, kann man damit beginnen zu sagen „Wir möchten dieses und jenes nicht mehr sehen, weil …“

    • Sehr richtig. Die AfD weiß bereits, dass sie auf dem Boden von Demokratie und Menschenrechten steht. Darüber muss nicht mehr diskutiert werden. Deshalb sind Ideologien, Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften, die den einzelnen seiner Freiheit berauben, mit entsprechend abgestuften Mitteln zu ächten und / oder bekämpfen. Ganz andere Beispiele als gewisse islamische Religionsgemeinschaften sind Scientology, Piusbrüder und Zeugen Jehovas: Alles drei sind (pseudo-)christliche Abspaltungen, die von unserer Gesellschaft entsprechend ihrer Gefährlichkeit einfach nur ignoriert oder geächtet oder doch schon bereits bekämpft werden. Aber zum Feste feiern geht dort kein Politiker hin …

  6. Danke für Eure Diskussionsbeiträge.

    Meine zwei Cent dazu: Ich finde, die AfD sollte sich eine solche Debatte gar nicht erst aufzwingen lassen. Es ist keine politische, und wenn man es zu einer macht, hilft man jenen, die Privates politisieren wollen.

    Religiöse Überzeugungen sind aber dem Bereich des Privaten zuzuordnen und der Staat oder politische Parteien haben von der Verfassung wegen gar kein Mandat, positive oder negative Werturteile über religiöse Überzeugungen zu fällen. Nur hinzunehmen, dass es sie gibt.

    Und genauso wie weltliche oder nichtreligiöse Überzeugungen oder einfach gar keine Überzeugungen (sondern nur Konformismus) können auch religiöse Überzeugungen für den einen ein Ansporn sein, etwas zu leisten und sich seinen Mitmenschen gegenüber besonders anständig zu verhalten, wie auch für das Gegenteil. Entscheidend kann aber nur das Ergebnis sein. Soll heißen: Wer sich aus seiner religiösen Überzeugung heraus um seine Mitmenschen verdient macht, hat die gleiche Würdigung verdient wie jemand, der das ohne religiöse Überzeugung macht. Und wer aus religiöser Überzeugung heraus seinen Mitmenschen das Leben schwer macht, hat die gleiche negative Sanktion verdient wie jemand, der das ohne religiöse Überzeugung macht.

    Extreme und asoziales Verhalten begünstigende Strömungen, die unter religiösem Banner auftreten, wie Salafismus, Scientology, Satanismus oder was auch immer sind weniger ein tauglicher Gegenstand kultureller Debatten als vielmehr solche der inneren Sicherheit. Man kann höchstens überlegen, wie solchen Entwicklungen präventiv entgegengewirkt werden kann. Meine Meinung ist, dass dies am besten funktioniert, wenn die nicht radikalen Kräfte in allen religiösen und nichtreligiösen Einrichtungen konstruktiv und in einer Atmosphäre des wechselseitigen Respekts gemeinsam erörtern, was man tun kann.

    • @dreeschhart:

      Wenn wir über die Zeugen Jehovas reden würden, wäre ich vielleicht bei Ihnen. Aber leider ist das Problem nicht so harmlos.

      Das Problem Nr. 1 bei Ihren Überlegungen ist, dass die verfassungsfeindlichen Strömungen im Islam leider keine Randerscheinungen sind sondern der Mainstream. Mit wem wollen Sie dort reden, um „solchen Entwicklungen“ *präventiv* entgegenzuwirken? Die „Entwicklungen“, die Sie verhüten wollen, sind dort vollendete Tatsachen und werden offen bekannt. Wichtige Teilnehmer der Islamkonferenz haben ein Bekenntnis zur Verfassung glatt verweigert und das nicht nur zum Spaß. Surfen Sie doch über die Homepages deutscher Islamverbände und Moscheevereine: Dort finden Sie viele schöne Worte, aber im Endeffekt fast immer dieselbe Lehre: Die Frau ist dem Manne untertan. Der Islam ist ein System eigenen Rechts (und das nicht im theologisch übertragenen Sinn). – Und unsere Politiker gehen dort dann lustig Fastenbrechen! Es ist also gerade umgekehrt, wie Sie denken: Die liberalen und humanistischen Strömungen sind es, die sich erst so richtig entwickeln müssen. Dass Gauck sich vor jemanden wie Khorchide gestellt hat, das war z.B. goldrichtig.

      Das Problem Nr. 2 ist, dass der Mainstream der Muslime überhaupt nicht Ihrer Meinung ist, dass das Religiöse eine Privatsache sei. Der soziale Druck zu „richtigen“ Verhaltensweisen auf den einzelnen Gläubigen ist dort teilweise enorm, während wir so etwas von unseren Kirchen her gar nicht mehr kennen. Wir können diesen Druck mitten ins Privatleben unserer Bürger hinein nicht dulden. Sollen wir denn wegsehen? Wenn Religion wirklich Privatsache wäre, woher dann die vielen Forderungen nach Extrawürsten speziell für Muslime? Das Ziel der Islamverbände ist das Millet-System, ein System ungleichen Rechts, je nach Religion. Eine dauerhafte Segregation der deutschen Gesellschaft. Die Aufgabe des Grundsatzes „Gleiches Recht für alle“. Eine liberale Vision sieht anders aus.

      Alle diese Probleme kann man nicht dadurch lösen, indem man „den Islam“ pauschal verurteilt und die liberalen mit dem traditionalistischen Mainstream in einen Topf wirft, wie es die islamfeindlichen Dumpfbacken tun. Der Islam hat das Potential, liberal zu sein, es ist aber nicht sehr entwickelt.

      Man kann die Probleme aber auch nicht dadurch lösen, indem man das Problem zur Randerscheinung erklärt, und darauf hofft, dass der gesellschaftliche Prozess damit schon selber fertig werden wird, wie es – zugegeben – der schönste Weg wäre.

      Es gibt nicht den geringsten Grund, warum irgend ein Verein nur deshalb, weil er eine Religionsgemeinschaft ist, grob und offen gegen die Verfassung verstoßen dürfen soll.
      Was spricht gegen ein Vorgehen wie in diesem Papier hier?
      http://homment.com/intelligente-islamkritik
      Was mir dort fehlt ist die Förderung liberaler Strömungen. Mit denen sollte deMaiziere sprechen, aber nicht mit Milli Görüs, Ditib, Zentralrat und Muslimbrüdern. Denn genau das tut unser Staat jetzt.

      • Nun, dass die radikalen Strömungen der Mainstream sein soll, bezweifle ich. Nicht nur aus persönlicher Beobachtung, sondern auch auf der Basis von Untersuchungen, die Spezialisten auf diesem Gebiet gemacht haben, etwa die Geheimdienste in Großbritannien oder auch Studien hier. Ich empfehle die Lektüre von Doug Saunders „Mythos Überfremdung“, wo sehr eingehend auf dieses Thema eingegangen wird. Ich müsste auch noch irgendwo eine Rezension dazu haben und kann sie als Beitrag mal hier reinstellen.

        Mit den Muslimbrüdern und der IGMG spricht der Innenminister zudem auch nicht, die Ditib und der Zentralrat hingegen sind Verbände, die ich für völlig unproblematisch halte.

        Deutschland ist weltanschaulich neutral, kein linker oder liberaler Weltanschauungsstaat. Deshalb hat der Staat auch meiner Ansicht nach kein Mandat, sich einen eigenen Islam, ein eigenes Christentum, ein eigenes Judentum usw. zu basteln. Das macht auch zB Putin nicht, obwohl der zB strikt kontrolliert, wer welche Einrichtungen finanziert. Und so etwas ist auch legitim. Aber es darf keine Gesinnungskontrolle in der Religion geben und auch kein Social Engineering in diesem Bereich.

        Im Übrigen unterscheidet sich der islamische Mainstream heute nicht von der katholischen Community der 50er- oder 60er-Jahre, und ich denke, ich kann das ganz gut beurteilen, denn ich arbeite nicht nur täglich mit konservativen Muslimen zusammen, sondern ich bin auch in einem streng katholischen, kleinstädtischen Milieu aufgewachsen. Ich persönlich würde es sogar begrüßen, wenn die Einwanderung wieder dazu führen würde, dass religiös geprägte Communities entstehen, die sich nicht wie unsere von den 68ern überrollen lassen. Ich halte nichts von diesem Musterschülertum von wegen dass alle „liberal“ sein müssen. Und Deutschland mit seinem antireligiösen Mainstream ist nicht das Maß aller Dinge. Es müssen sich nur alle an allgemeine Gesetze halten. Mehr kann und darf ein freier Staat nicht erwarten. Das ist meine Meinung.

        Die Thesen, auf die Sie verlinken, gehen mir in diesem Fall zu weit. Das ist in meinen Augen Social Engineering. Der Staat würde die Muslime „erziehen“, wie uns die Grünen heute zum Gender Mainstreaming und zur „nachhaltigen Lebensweise“ erziehen wollen. Ich will hingegen, dass der Staat die Religionsgemeinschaften in Ruhe lässt. Auf diese Weise schafft man auch eher Vertrauen als wenn man von oben herab Gemeinschaften zum Problem erklärt – dann schafft man höchstens Reaktanz (zumindest ich würde darauf so reagieren). Wer einen liberalen Islam will, soll darum werben müssen, nicht ihn mithilfe staatlicher Hoheitsgewalt erzwingen.

  7. @dreeschhart:

    Wir haben eine verschiedene Analyse der Wirklichkeit, deshalb kommen wir zu verschiedenen Schlussfolgerungen.

    Sie irren, dass der deutsche Staat nicht mit Muslimbrüdern an einem Tisch sitze. Die Muslimbrüder stecken in manchen dieser Organisationen nachweislich mit drin, und der deutsche Staat weiß das natürlich genau. Sie irren, wenn Sie Ditib & Co. für völlig unproblematisch halten, das ist ja völlig naiv. Sie irren zudem gewaltig, wenn Sie konservativen Katholizismus mit islamischer Orthodoxie vergleichen – das ist wirklich unglaublich! Ich nehme es Ihnen nicht ab, was Sie sagen. Sie haben weder von katholischem Glauben noch von Mainstream-Muslimen eine Ahnung. Da steht meine Lebenserfahrung hart dagegen.

    Aber allein schon der Buchtitel “Mythos Überfremdung”, den Sie nennen, zeigt Ihre Blauäugigkeit. Überfremdung ist in vielen Städten und Stadtvierteln Deutschlands bereits bittere Realität, und Sie kommen mit einem BUCH daher, das die Realität zum Mythos erklärt.

    Von Social Engineering sprach ich auch nicht, und auch nicht vom Zusammenbasteln einer konformen Religion, sondern davon, dass die „Guten“ Raum für Entfaltung bekommen sollen, und die „Schlechten“ abgewehrt werden sollen. Maßstab ist die Verfassung und nicht irgendeine liberale Willkür von Sozialingenieuren. Mit Social Engineering hat das nichts zu tun, sondern mit ganz normaler wehrhafter Demokratie, wie sie sonst auch praktiziert wird. Vielleicht sollten Sie unsere Verfassung noch einmal zur Hand nehmen, da stehen viele Maßstäbe drin, die kein Sozialingenieur erst aus der Luft greifen muss.

    Ich widerspreche außerdem der Auffassung, dass ein Verein allein dadurch sakrosankt wird, dass er sich „Religionsgemeinschaft“ nennt. Wo kämen wir denn da hin?! Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass auch Nationalsozialismus und Kommunismus unter die grundgesetzlich garantierte Religions- und Weltanschauungsfreiheit fallen. Allzu viel Toleranz würde ich da aber nicht spendieren, wenn ich Sie wäre.

    Ihre Liberalität ist gar keine Liberalität! Es ist die Toleranz des Wegschauens und Nichtwissenwollens. Irgendwelche Studien und Bücher finden sich immer, die die Probleme wegdefinieren. Sie wollen die Probleme nicht wahrhaben, und reden an den Menschen vorbei.

    Ihr Konservativismus ist kein Konservativismus! Denn dann würden Sie sehr genau wahrnehmen, wo die krassen Unterschiede zwischen konservativem Christentum und islamischer Orthodoxie sind.

    Zudem sind Sie innerlich gefesselt durch eine Vorstellung von Religion, die sich anhand unserer liberalen Kirchen geprägt hat, die aber keine Vorstellung davon hat, was diverse Muslime darunter verstehen.

    Sie sind ein blinder Blindenführer, den den Sorgen und Nöten der Menschen nur Kälte entgegenbringt, und sie zurückstößt in ihrem Leiden. Sie sind maßgeblich mit dafür verantwortlich, wenn sich Menschen radikalisieren und zu islamfeindlichen Dumpfbacken werden, weil sie kein demokratisches Angebot für die Lösung ihrer Probleme bekommen.

  8. „denn ich arbeite nicht nur täglich mit konservativen Muslimen zusammen“

    der sehr vertretbare Wunsch, Muslime in unserer Gesellschaft fair und korrekt behandelt zu wissen, sollte nicht zu einem idealisierenden Blick führen

    • Hier möchte ich noch eine Begriffsklärung anführen: Wenn der Mainstream der Muslime wirklich „konservativ“ wäre, wäre das in Ordnung, aber der Haken ist, dass „konservativ“ eindeutig das falsche Wort ist. Das zutreffende Wort lautet „traditionalistisch“.

      Die christliche Entsprechung zum islamischen Mainstream sind die traditionalistischen Piusbrüder, die die historisch-kritische Lesart der Bibel ablehnen, die den Mann als das Haupt der Frau sehen (Paulus), und die das Christentum als Staatsreligion in der Verfassung verankert sehen wollen. Das ist eben nicht mehr konservativ, sondern traditionalistisch.

      Ein Beispeil für einen Konservativen ist z.B. Ratzinger. Konservative können auf ihre Weise modern sein. Traditionalisten hingegen nicht.

  9. Nun, das ist Ihr persönliches Problem mit konservativen Lebensentwürfen. Deutsches Musterschülersyndrom, wie Weilmeyer es so treffend illustriert. Moralischer Absolutismus in einer Gesellschaft, die verbindliche moralische Werte in die Tonne getreten hat – und gerade deshalb so unglaubwürdig und gerade deshalb die fehlende Bereitschaft von Einwanderern, sich gegenüber dieser zu assimilieren. Keine politische Angelegenheit.

    Solange keine allgemeinen Gesetze gebrochen werden, hat das niemanden etwas anzugehen, wie konservativ, traditionalistisch oder sonst etwas jemand ist. Es gibt kein subjektives Recht auf eine bestimmte Gesinnung eines Menschen und schon gar kein Recht des Staates auf eine solche. Nur auf gesetzeskonformes Verhalten. Die Vorstellung, der Staat richtet über die Zulässigkeit religiöser Überzeugungen, erzeugt in mir Brechreiz.

    Sie mögen den Islam nicht? Praktizieren Sie ihn einfach nicht! Punkt.

    • @dreeschheart:

      Ihre Ahnungslosigkeit und Ihr jakobinischer Eifer, Ihre Ahnungslosigkeit zum Maßstab für alle zu erhöhen, ist unerträglich.

      Sie schrieben:
      „Sie mögen den Islam nicht? Praktizieren Sie ihn einfach nicht! Punkt.“

      Ist Ihnen eigentlich klar, dass das gar nicht so einfach ist?! Wenn Sie in einer traditionalistischen islamischen Familie aufgewachsen sind, und dann zu Papi gehen und sagen: „Du, Papi, ich bin jetzt kein Muslim mehr“, dann kann das lebensbedrohliche Konsequenzen haben! Wenn Sie Glück haben, werden Sie einfach nur mittellos vor die Tür gesetzt und sehen von Ihrer Familie nie mehr etwas wieder. Aber auch bei geringeren Verstößen gegen den Kodex, der in einem traditionalistischen Milieu herrscht, gibt es harsche Sanktionen, die die Freiheit des Einzelnen ganz erheblich einschränken.

      ZENSIERT.

      • So, und für das mit Auschwitz schmeiße ich Sie jetzt hier raus und verbanne Sie für künftige Beiträge. Der Jakobiner hier sind Sie. Sie streben einen Staat an, der totalitären Gesinnungsterror gegen eine gesamte Religionsgemeinschaft anstrebt. Es ist gut, dass solche Ideologien, wie Sie sie vertreten, in Deutschland immer nur bei 0,3% bleiben werden. Und es ist gut, wenn die AfD Leute wie Sie aus der Partei entfernt. Leute wie Sie sind tickende Zeitbomben.

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