Timeo Germanos et democratiam docendes – Wider den deutschen Belehrungsdrang!

Der Schulmeister in Aktion.

Der Schulmeister in Aktion.

„Die Deutschen lieben die Demokratie aus den falschen Gründen“ titelte der „Cicero“ einem kürzlich erschienenen Essay von Alexander Grau. Ihre vermeintlichen Verehrer entpuppen sich, so Grau, „in Wahrheit als etatistische Freiheitsskeptiker. Dabei sollte die Demokratie das Individuum schützen und nicht die Gemeinschaft.“

Auch die „publikative“ misstraut – wenn auch in anderem Zusammenhang – dem Hang deutscher Eliten, sich vom Musterschüler zum Lehrmeister aufzuschwingen, wenn es darum geht, ungefragt auf vermeintliche oder tatsächliche Defizite in anderen Ländern hinzuweisen, mit denen man aus welchen Gründen auch immer des Öfteren zu tun bekommt.

„Mag sein, dass wir den Krieg verloren haben, den Frieden haben wir gewonnen – und zwar weil “wir” so selbstkritisch sind. Das ist genau die klebrige Selbstverliebtheit, die auf die völkischen Wurzeln des deutschen Nationalismus hinweist. Zum deutschen Opfer-Nationalismus, der seit Ende des Ersten Weltkriegs hegemonial ist, tritt der alte wilhelminische Impetus der arroganten Belehrung.“

Neowilhelminisches „Vorreiter“-Unwesen

Und dieser Drang tritt einem Tag für Tag entgegen – vom Bundespräsidenten über die Qualitätspresse bis hinein in die Welt der „Kulturschaffenden“. Wir sind die Kritischesten von allen, wir haben als Einzige den Patriotismus zur Untugend erklärt, wir sind weltweite Vorreiter beim Klimaschutz, bei der Null-Kind-Familie, bei der Areligiosität, der Kuscheljustiz, der sexuellen Freizügigkeit – und dass wir all diese Opfer gebracht haben, um vermeintlich bessere Menschen zu werden, legitimiert uns jetzt in den Augen der Meinungsmache offenbar dazu, von allen anderen im Befehlston das Gleiche zu fordern.

Dabei wird es immer schwieriger, darüber auf dem Laufenden zu bleiben, wer gerade der adäquate Adressat des qualitätsmedienverstärkten Drei-Minuten-Hasses ist, zumal die Sache an schlechten Tagen auch kompliziert werden könnte. Jetzt, wo aus der Snowden- und NSA-Geschichte zunehmend die Luft raus ist und die ersten Sandalisten, die sich auf den Heimweg aus Syrien begeben, dann doch den einen oder anderen auf die Idee bringen, dass es keine so verkehrte Sache ist, wenn die Geheimdienste über solche Entwicklungen im Bilde sind, ist Antiamerikanismus vorübergehend nicht mehr so en vogue wie noch vor wenigen Monaten.

Weltbild aus Dan-Brown-Romanen

Selbst der türkische Premierminister Erdoğan, von dem man erwarten hätte können, dass er sich zumindest noch bis 2023, wenn er sich zum 100. Geburtstag der Türkischen Republik ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt haben will, als Feindbild eignen sollte, findet mittlerweile in der „kritischen Intelligenz“ unseres Landes Gnade, teilt doch selbst die „Qualitätspresse“ bereitwillig seine Verschwörungstheorie, wonach der böse Hoca Fethullah Gülen im Stile des Opus Dei in Dan Browns „Sakrileg“ mithilfe von ihm ferngesteuerter Staatsanwälte die Weltherrschaft anstrebt und es in der Türkei noch nie so etwas wie Korruption gegeben hätte. Was auch konsequent ist: Denn selbst wenn Erdoğan seit 2011 immer stärker autokratische Tendenzen zeigen mag und sich in seinem Beraterstab ein nicht unerhebliches Maß an Paranoia eingestellt hat – aus Sicht eines guten, SpOn- und RTL-gebildeten Deutschen und Europäers ist ein privatwirtschaftliches Netzwerk, das Erfolg hat und dadurch den Staat vorführt, selbstverständlich wesentlich schlimmer.

Anti-Putin geht immer

Spätestens seit das Staatsoberhaupt Joachim Gauck seinen gesamten Gratismut gesammelt hat, um zu erklären, den bevorstehenden Olympischen Winterspielen in Sotschi fernbleiben zu wollen, weiß aber jeder, dass Russophobie immer geht und dass gegen Putin zu sein gleichbedeutend ist mit einer Generalabsolution seitens der Vierten Macht im Staat.

Zwar müssen selbst Gegner Putins einräumen, dass er die Anarchie der Jelzin-Ära überwunden hat und in seinem Land entscheidende Verbesserungen bewirkt hat: „Im Innern verfolgte er einen liberalen Wirtschaftskurs. Damals wurde das Eigentum in Russland vollständig legalisiert und die Basis für die heutige konsumintensive Wirtschaft gelegt. In seiner zweiten Amtszeit widmete er sich dem Aufbau eines Sozialmodells – nach EU-Vorbild. Die Armut konnte drastisch gesenkt werden, eine Mittelschicht wuchs heran.“

Dennoch bleibt ihm die Logik des Doublethinks derjenigen verborgen, die stets großen Wert auf Toleranz, Liberalität und Ausdrucksfreiheit legen – solange man nur das „richtige Bewusstsein“ verinnerlicht hat: „Er versteht das Funktionieren einer europäischen Zivilgesellschaft nicht, legt sich mit einflussreichen Lobbygruppen an, anstatt zu akzeptieren, dass NGOs und Menschenrechtsorganisationen ein integraler Bestandteil westlicher Gesellschaften sind und in eine gesamtstaatliche Kooperation eingebunden werden müssen.“

Die NGO als Inbegriff des Guten

Merke: Gesetze und Gewaltenteilung sind immer dann unerheblich, wenn sie mit der überlegenen Moral nicht gewählter NGOs wie Greenpeace oder mit dem Sendungsbewusstsein von Ekel-„Künstlern“ wie „Pussy Riot“, zertifizierter Faschisten wie Nawalny oder zweifelhafter Persönlichkeiten wie Chodorkowski kollidieren, dessen Qualifikation als „Kreml-Kritiker“ die Tatsache, dass er es mit Mein und Dein nicht so genau genommen hat und dass seine zum persönlichen Schutz abgestellte paramilitärische Gruppe in mehrfachen Mord verwickelt sein soll, locker aufwiegt. Vorausgesetzt natürlich, eine NGO ist nicht religiös – man darf den oben zitierten Satz selbstverständlich nicht so verstehen, dass man die Gülen-Bewegung, Lebensrechtsgruppen oder das Opus Dei „in eine gesamtstaatliche Kooperation einbinden“ sollte. Klimareligion ist ihr natürlich wieder erlaubt.

In Vergils „Aeneis“ wird der trojanische Priester Laokoon mit seinen berühmten Worten zitiert „Quidquid id est – timeo Danaos et dona ferentes“ – „Was immer es ist, ich fürchte die Griechen, selbst wenn sie Geschenke bringen“.

Ähnlich groß dürfte das Misstrauen in Ländern sein, denen Deutsche nun von oben herab die Demokratie zu lehren versuchen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass sie diese, wie Alexander Grau im „Cicero“ schilderte, aus den falschen Gründen lieben.

Man kann es ihnen nicht verdenken. Und sollte nicht vergessen, dass Musterschüler – die gerne um Rat gefragt werden – sich immer dann unbeliebt machen, wenn sie in den Pausen Petzen gehen…

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